Die Fremde in mir


Ich bin A., weiblich und 17 Jahre alt. Ich komme gerade aus dem Bad. Ich
habe es wieder getan.

 

Aber hier erst mal meine Geschichte: Es fing mit etwa 11 Jahren an, vielleicht früher. Ich glaube, dass es nach einem Besuch bei der Kosmetikerin war, wo sie meine Haut "bearbeitete". Irgendwann habe ich selbst angefangen, es zu machen.

 

Seltsame Euphorie

Dann kam die Euphorie dazu, Glückserlebnisse, oh Mann, klingt das seltsam. Jedenfalls wusste ich zu diesem Zeitpunkt nichts von einer Zwangsstörung oder wie man das bezeichnet. Auch nicht, dass das, was ich da tat, über alles Normale hinausging. Für mich war nichts dabei.

 

Nach einer Zeit begannen Leute, mich darauf anzusprechen. Wo die Wunden in meinem Gesicht herkämen? "Du bist doch so schön, wieso tust du dir sowas an?" oder "du tust so viel Gutes für andere, aber nie für dich, schau dich an".

 

Das motivierte mich nicht dazu, aufzuhören, eher im Gegenteil. Die ganzen Selbstzweifel, Schuld und Schamgefühle. Die Fremde in mir. So habe ich angefangen, darüber zu reden. Es war nicht normal, aber das war ich auch nicht. Ich wollte nicht so sein.

 

Jede Unebenheit muss herhalten

Zu meinen schlimmsten Zeiten bin ich mehrmals täglich an meine Haut gegangen. Anfangs an meine Pickel, aber ich habe nicht mal mehr welche, also muss jede kleinste Unebenheit herhalten. Jedesmal habe ich danach ein Peeling gemacht, Beautyprodukte drauf geklatscht und mich neu geschminkt. Auch abends. Bevor ich zu Bett gehe. An schlimmen Tagen läuft es immer noch genau so ab. Wie jetzt.


Ich habe oft versucht aufzuhören, meine Eltern haben mir Stressbälle in die Hand gedrückt, ja eigentlich passierte viel. Trotzdem drückte die Fremde mich, immer und immer wieder. Und dann stand ich doch vor dem Spiegel. Mal erst nach Wochen, andere Male nach Tagen oder schon nach Stunden.

 

Warum mache ich das?

So ganz verstanden habe ich nie, wieso ich das mache. Auch nicht, wieso genau das. Ich meine, andere Leute essen viel, um glücklich zu sein, andere treiben Sport und mich macht doch auch so vieles glücklich. Mir hilft es, zu wissen, dass ich nicht alleine bin.


Irgendwann schaffe ich es, damit aufzuhören, ich bin mir sicher. Übrigens treffen fast alle Punkte aus "typisch skin-picker?" auf mich zu, es ist so erschreckend. Aber wenn ihr da draußen mir also so ähnlich seid und ich das schaffe, dann schafft ihr das auch!


Und auch, wenn mein letztes Mal "drücken" vielleicht eine halbe Stunde her ist: Ich bin zuversichtlich, es zu überwinden. Sie zu überwinden. Die Fremde in mir.


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September 2015