Den eigenen Weg finden


Wer bist du?

 

K., 39, Journalistin

 

Wann fing Skin-picking bei dir an?

 

Schon als ich etwa vier, fünf Jahre alt war: Ich kratzte juckende Mückenstiche an den Armen auf; wenn sie verheilten, zog ich den Schorf ab, vergrößerte so die Wunde ... usw.

 

Gab es dafür einen bestimmten Auslöser, eine bestimmte Situation?

 

Wenn mich damals jemand fragte, warum ich denn so furchtbar kratzen und knibbeln würde, sagte ich: „Die Mückenstiche jucken so sehr, ich kann mich nicht zurückhalten!“ Das erklärt natürlich nicht, warum ich dann noch den Schorf abgezogen habe, denn in diesem Stadium juckt ein Mückenstich ja eigentlich nicht mehr. Aber ich empfand immer noch ein Jucken, eine innere Unruhe.

 

Außerdem war ich zu der Zeit schon ein „ADS-Kind“, damals hieß das noch hyperaktiv. Ich wusste nicht, wohin mit meinem Bewegungsdrang, wenn ich zum Beispiel still sitzen sollte. So knabbelte ich an Gegenständen herum, zum Beispiel an Stuhlbezügen, bis sie Löcher hatten. Das brachte mir Ärger mit den Erwachsenen ein, weil ich Eigentum beschädigte. Und so verlegte ich mich aufs Knibbeln an mir selbst. Meine Haut gehörte ja schließlich mir.

 

Wie sehr hat Skin-picking dich und dein Leben bestimmt?

 

Klar ist, dass ich nicht schwimmen oder in die Sauna gehe, obwohl ich das Wasser liebe: Dann würden ja alle meine Narben und offenen Stellen sehen. Außerdem vermeide ich es, mich in Sammel-Umkleidekabinen umzuziehen: Zum Sport gehe ich immer schon fertig angezogen, fahre nachher in den schweißnassen Kleidern nach Hause. Erst dort dusche ich und ziehe mich um. Ich weiß zwar, dass mich keiner auf meine Narben und Wunden ansprechen würde. Aber allein der Gedanke, dass sich andere vor mir ekeln, ist mir unerträglich.

 

Aber als ich noch mehr über diese Frage nachdachte, fiel mir auf: Mit den Jahren habe ich auch immer mehr mein Gesicht als hässlich eingestuft, weil ich es nie sein lassen konnte, daran zu knibbeln. Da nutzt alles Make-up nichts. Wenn ich lächle, so meine unbewusste Einschätzung, sieht das hässlich aus. Deswegen habe ich wenig gelächelt und auch den Leuten nicht gern direkt in die Augen geschaut.

 

An manchen Stellen (Unterschenkel, Schultern) habe ich auffällige bleibende Narben, so dass ich diese nur mit sehr viel kosmetischem Aufwand unbedeckt in der Öffentlichkeit präsentieren könnte.

„Einfach so“ ungeschminkt das Haus zu verlassen, kommt für mich nicht in Frage. Selbst wenn ich momentan keine offenen Stellen habe, muss ich erst mal die Gesichtsnarben überdecken.

 

An welchen Körperstellen, kratzt, drückst und knibbelst du?

 

Im Gesicht (vor allem unterhalb des Kinns und auf der Stirn), am Hals, an den Schultern, an den Armen (vor allem Unterarme), den Unterschenkeln, der Oberseite der Füße.

Außerdem beiße ich auch an meinen Fingernagelbetten herum, oft, bis es blutet.

 

In welchen Situationen kratzt, knibbelst und drückst du?

 

Es gibt eine Vielzahl von Kratz Situationen – aber richtig unwiderstehlich wird der Drang vor allem, wenn ich allein und unbeobachtet zu Hause vor dem Computer sitze und eigentlich arbeiten müsste. Dann fahren meine Hände an den Armen und Beinen entlang, auf der Suche nach einer Unebenheit, die es glatt zu machen gilt. Und leider finden sie immer etwas.

 

Hast du jemanden ins Vertrauen gezogen?

 

Ja, meine Eltern und Familie wissen es sowieso schon lange – wenn sie auch keine Ahnung haben, in welchem Ausmaß ich auch heute noch knibbele.

 

Mein Freund weiß Bescheid (lässt sich auch gar nicht vermeiden).

Ich habe auch mal in einer Selbsthilfegruppe von Zwangserkrankten mein Problem erzählt. Sie haben ähnliche Probleme; einige berichteten, dass sie ebenfalls (neben ihren Zwängen) noch kratzen. Aber das ist für sie eher eine Art Nebenproblem, der eigentliche Zwang belastet sie am meisten.

 

Ich habe schon diverse Therapien hinter mir: eine Verhaltenstherapie als Studentin wegen Depressivität, Ess-Störungen und schlechtem Selbstwertgefühl. Einige Jahre später eine psychoanalytisch fundierte Psychotherapie wegen Problemen mit Job und Mitmenschen. Zuletzt wieder eine Verhaltenstherapie wegen ADS. Gegen das Kratzen hat das alles nicht geholfen.

 

In letzter Zeit habe ich auch ein paar meiner Freunde das Problem anvertraut. Die Reaktionen waren meist überraschend positiv, es waren aber auch ein paar "Ausreißer" dabei, die die Sache nicht ernst nahmen und sich sogar darüber lustig machten. Das verletzt natürlich.

 

Wie sind deine Familie, Freunde und Kollegen damit umgegangen?

 

Als ich jung war, sagten meine Eltern immer, ich solle das Geknibbel doch endlich lassen, damit würde ich mich nur selbst hässlich machen. Später würde ich das bereuen, meinten sie. Denn bei all die Narben, da bekäme ich ja niemals einen Mann ab.

 

Mein Freund ist sehr liebevoll und sagt, dass er mich auch mit aufgekratzten Stellen liebt. Ich glaube ihm das. Aber es ist offensichtlich sehr schmerzhaft für ihn zu sehen, wenn ich wieder mal einen heftigen Kratzanfall hatte und alles rot ist. Er macht sich dann Selbstvorwürfe, dass er mir nicht helfen könnte. Das will ich ihm ersparen.

 

Meine früheren „Boyfriends“ haben es meist ignoriert, was mich insgeheim wunderte: Wie kann man so knallrote wunde Stellen einfach übersehen? Männer scheinen manchmal echt blind zu sein. Andererseits war diese Ignoranz auch bequem für meine „Sucht“ – ich konnte einfach weitermachen.

 

Meine Kusine hat mich mal direkt auf die Narben und Krusten im Gesicht angesprochen. Als ich ihr von Skin-picking erzählte, fiel ihr ein, dass sie auch so einen Hang dazu hat, in Stress-Situationen an ihrem rechten Daumennagel herumzukauen.

 

Kollegen ignorieren die Sache üblicherweise, und das ist auch gut so. Ich schminke mich ja auch für den Job, damit es nicht auffällt. Vielleicht wundert sich der eine oder andere insgeheim, über meine gelegentlichen roten Flecken im Gesicht.

 

Aber nur einer hat mich mal direkt gefragt, was ich denn da für einen "Schatten" auf der Wange hätte. An dem Tag war es mir trotz intensivstem Schminken nicht gelungen, alles zu verbergen. Dem Kollegen habe ich dann auch eine direkte Antwort gegeben: Ich würde Hautstellen aufkratzen und könne mich nicht davon abhalten. Mit dieser Auskunft kam er nicht sonderlich gut klar. Er schüttelte nur den Kopf und ging aus dem Büro. Wir haben nicht weiter darüber gesprochen.

 

Wann und wie hast du erfahren, dass dein Verhalten Skin-picking heißt?

 

Dass mein Verhalten nicht „gesund“ sein kann, habe ich natürlich schon lange gewusst. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich dann ein paar Suchbegriffe in die Internet-Suchmaschine eingegeben und bin dadurch auf zwei Foren gestoßen: Das Acne Excoriée-Forum und das Dermatillomanie-Forum.

 

Es war sehr erleichternd zu sehen, dass die Krankheit einen Namen hat. Zuerst habe ich mich an diesen Foren aber so gut wie gar nicht beteiligt – traute mich nicht. Erst nach einem Jahr begann ich, öfter Beiträge zu schreiben.

 

Ich habe auch meiner damaligen Therapeutin von der Entdeckung im Netz erzählt. Sie überraschte mich mit der Auskunft, dass sie diese Störung und die Fach-Bezeichnungen dafür kenne. Warum hat sie es mir dann nicht schon viel früher gesagt? Nun, vielleicht dachte sie, ich solle von selbst drauf kommen.

 

Was hast du dann getan?

 

Ich habe versucht, mit der Therapeutin Strategien gegen das Kratzen zu entwickeln und anzuwenden. Hat letztlich aber keinen Erfolg gehabt, ich war ja eigentlich wegen ADS in Behandlung.

Gegen das Kratzen bekam ich auch ein Antidepressivum verschrieben, Fluxet. Das soll gegen Zwangserkrankungen und auch Ess-Störungen helfen. Hat aber nichts gebracht. Dann habe ich es mit Sertralin versucht. Scheint auch nichts zu ändern. Vielleicht setze ich es wieder ab, das muss ich noch mit der Neurologin bereden.

 

Wann und bei wem hast du dann das erste Mal über Skin-picking sprechen können?

 

Erst mit der Therapeutin, dann mit meinem Freund (obwohl das anfangs schwierig war).

 

Welche Therapie hast du gemacht? Hat es dir geholfen?

 

Zuletzt Verhaltenstherapie. Es hat nicht geholfen, siehe vorletzte Frage.

 

Was wendest du heute noch davon an?

 

Die Therapeutin wollte, dass ich jeden Tag ein Diagramm mache. Ich sollte eintragen, wann ich kratze, in welchem Ausmaß und warum. Das ließ sich aber nur sehr schwer in meinen Alltag einbauen, deswegen führte ich das Diagramm nur sehr lückenhaft.

Ihre Tipps, zB: Hände zusammendrücken, wenn der Kratz-Impuls kommt, halfen nicht.

 

Bist du geheilt?

 

Nein.

 

Wie gehst du heute mit Skin-picking um?

 

Vor knapp einem Jahr hatte ich mir vorgenommen, zu meinem 40. Geburtstag von der Kratzerei weg zu sein. Daraufhin wurde es erst mal schlimmer! Vielleicht hat mich dies Ziel so sehr unter Druck gesetzt, dass ich erst recht kratzte. 

Da die Verhaltenstherapie beendet war, wollte ich einen Therapeuten finden, der auf die Behandlung solcher Problematiken spezialisiert ist. Aber die gibt es kaum.

Dann dachte ich: Bis ich die Therapie beginne, kann ich genausogut  selber versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich habe dann erst mal Urlaub genommen, um mit mir selbst ins Reine zu kommen. Das tat richtig gut. Dann begann ich intensiv zu recherchieren, mich an Online-Foren zu beteiligen.

Inzwischen hat die Kratzerei aufgrund der Erkenntnisse, die ich gewonnen habe, schon sehr nachgelassen. Ich habe immer noch keinen Therapieplatz. Den brauche ich wohl nicht mehr - hat ja auch so schon lange genug gedauert.

 

Was hilft dir an Internet-Foren besonders?

 

Ich erkenne, dass ich mit meinen Problemen nicht allein dastehe. Es ist manchmal schon erstaunlich, wie sehr sich - bei allen individuellen Unterschieden - die Symptome gleichen! Die meisten, die in solchen Foren schreiben, sind sehr einfühlsam und verständnisvoll. Das entlastet und gibt mir das Gefühl voranzukommen, Fortschritte zu machen.

 

Besuchst du eine Selbsthilfe-Gruppe?

 

Zunächst einmal gab es ja gar keine! Als "Ersatz" besuchte ich eine Selbsthilfegruppe für Zwangserkrankungen – das passte nicht so genau zu meinem Problem.

Jetzt bin ich bei der Selbsthilfegruppe Skin-picking in Köln und muss sagen: Es ist toll! Erstens sind die anderen Gruppenmitglieder supernett. Das nimmt einem unglaublich diesen Druck, sich wie ein "Monster" zu fühlen. Zweitens weiß immer jemand etwas, das ich selbst noch nicht wusste, man kann also viel dazulernen. Und drittens kommen gelegentlich auch Fachleute, um über bestimmte Themen zu informieren.

 

Was hilft deiner Erfahrung nach gar nicht gegen Skin-picking?

 

Selbstvorwürfe und Selbstverdammungen, wenn man es mal wieder nicht geschafft hat, die Finger von seinen „Stellen“ zu lassen. Die machen es nur noch schlimmer.

 

Wenn du auf deinen Krankheitsverlauf zurückblickst, was würdest du heute anders machen?

 

Es wäre schön gewesen, wenn ich schon früher gewusst hätte, dass es sich um eine bekannte Krankheit handelt. Dann hätte sich dieses Kratzen bei mir vielleicht nicht so stark als Gewohnheit festgesetzt. Aber wer weiß, ob mir diese Information früher überhaupt etwas gebracht hätte. Damals trieben mich noch ganz andere Probleme um.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

 

Auch wenn es schwer ist: Macht euch auf die Suche nach eurem persönlichen Weg zu heilen! Dem einen mag Verhaltenstherapie helfen, dem anderen Sport, der Dritte braucht wieder etwas ganz anderes: Man muss es selbst herausfinden. Und das ist keine lästige Pflicht, sondern ein spannender Weg und zentral für das ganze eigene Leben.

 

Auch wenn ihr euch wegen eure Wunden und Narben schämt: Kommt aus euren Verstecken heraus! Organisiert euch, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe. Dort findet ihr sicher Verständnis und fachlich wertvolle Information. Ich glaube, es bringt sehr viel, sich „von Angesicht zu Angesicht“ zu kennen und regelmäßig zu treffen.

 

(veröffentlicht Januar 2011)

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