Das etwas andere Skin Picking


von J., 21 Jahre, Soldatin
Ekelhaft totales Schamgefühl, diese Gedanken begleiten mich den ganzen Tag. Bei mir ist das Skin Picking nicht so im Gesicht mit Pickeln ausdrücken. Ich habe die Probleme an den Händen also eigentlich an den Fingern.
Ich bin ständig nur am knibbeln. So schlimm, dass, wenn ich die Hautfetzen nicht mit den Fingernägeln abbekomme, ich mit meinen Zähnen drangehe. Und so lange an der Stelle versuche, die Haut abzuziehen, bis es irgendwann klappt. Es bringt mich zur Weißglut, wenn die Hautfetzen stehen bleiben und ich sie spüre.
Ich kann nicht aufhören zu knibbeln. Es ist ein innerer Drang, alles glatt haben zu wollen, trotz des Wissens, dass wenn ich weitermache, alles nur noch schlimmer wird. Ich kann einfach nicht aufhören damit.
Ich weiß nicht wieso
Angefangen hat das alles, als ich noch ziemlich klein war und eigentlich weiß ich auch gar nicht wieso. Irgendwann hatte ich einfach den Drang, mir kleinste Hautfitzelchen von den Fingern zu ziehen, damit alles wieder schön und ordentlich aussieht. Auch bei der Arbeit, wenn ich Stress habe, nervös bin, ja sogar wenn ich Langeweile habe, kann ich mich nicht davor retten.
Ich falle in eine Art Trance. Manchmal bekomme ich gar nichts davon mit, dass ich schon wieder am knibbeln bin. Es ist wie eine Sucht, ich kann nicht aufhören. Des Öfteren sage ich mir selbst: "Lass es sein", sogar während ich am Knibbeln bin. Aber ich kann es nicht lassen, kann es nicht stoppen: Der innere Drang danach ist viel zu hoch. Danach kommt der Fall. Die Hände, die vorher vielleicht schon besser aussahen und anfingen zu heilen, sind nun wieder total blutig und rot.
Niemand soll es sehen
Mit den Jahren ist es immer schlimmer geworden. In der Schule damals war es mir so peinlich, weil ich oft offene blutige Stellen an den Fingern hatte. Ich erfand immer Ausreden, um mit Pflastern rumlaufen zu können. Oder ich versteckte meine Finger, indem ich meine Hand immer so kompliziert mit den Fingern nach unten hielt, wenn ich schrieb. Es sollte einfach bloß niemand sehen.
Ich fühle mich schlecht damit, es ekelt mich selbst. Irgendwann wurde es so richtig schlimm. Ich denke, das war so mit Anfang 13/14, der Beginn der Pubertät. Meine Finger waren nur noch blutig und offen. Ich musste Neurodermitis-Handschuhe tragen, damit ich mir nicht auch noch die letzte Haut von den Fingern zog. Alles habe ich versucht, habe zum Beispiel so eine Tinktur aus der Apotheke geholt, die bitter schmeckt sobald man mit dem Mund dran geht. Ich hatte Handschuhe, ich hatte Cremes mit Cortison, ich habe mir eine Zeit lang Makeup auf die Finger geschmiert. Es hört einfach nicht auf.
Meine Partnerin hilft, wenn sie da ist
Als ich meine Partnerin kennen gelernt habe, war es am Anfang eine Tortur: meine Hände zu verstecken, immer wieder vor jedem Treffen. Mittlerweile kennt sie mein Problem. Sie sagt auch, es sehe eklig aus. Aber sie gibt mir nicht das Gefühl, dass ich sie anekele. Immer wenn sie sieht, ich fange an zu knibbeln, haut sie mir leicht auf die Finger oder ermahnt mich. Aber nun ja, sie ist halt nicht den ganzen Tag um mich rum. Und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich versuche, sie unabsichtlich auszutricksen, indem ich knibble, wenn sie wegguckt oder auf Toilette geht.
Endlich nicht mehr rechtfertigen müssen
Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich habe versucht mir Ziele zu setzen, um darauf hinarbeiten zu können, aber nichts hilft mir. Ich hoffe, dass ich irgendwann die richtige Methode finde - auch für meine Ehe. Wer will schon sein Leben lang mit offenen, knallrot leuchtenden blutenden Fingern rumlaufen und sich überall rechtfertigen müssen?

(August 2015)

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