Erste Bilanz


B., 51 Jahre, Therapeutin

 

Im Herbst vergangenen Jahres (2010) bin ich auf der Suche nach neuen Methoden für Aknebehandlung (auch im fortgeschrittenen Alter) im Internet auf den Begriff Acne excoriée und dessen Bedeutung gestoßen. Für mich war das ein Augenblick der Erkenntnis, dass das, was mich seit ca. 40 Jahren begleitet, endlich einen Namen bekommen hat. Irgendwie war das auch ein schönes Gefühl. Ein Gefühl, mit diesem Problem nicht alleine auf dieser Welt zu sein.

 

Ich komme aus einer Familie mit streng hierarchischen Strukturen. Mein Vater war ein autoritärer, ein sehr jähzorniger Mensch. Er beherrschte die gesamte Familie mit Anschreien und Schlägen. Er konnte auch nett und sogar charmant sein, nur leider war für mich und meine beiden Brüder nicht vorhersehbar, welche Verhaltensweise uns als nächstes erwartete. Widerreden, argumentieren und/oder diskutieren gab es nicht.

 

Ich habe in meiner Kindheit niemals gelernt, meine Gefühle zu zeigen bzw. zu leben, weil dieses Verhalten (fast) immer mit Schreien oder Gewalt bestraft wurde. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in der Kindheit Daumen lutschte und Nägel kaute, wobei immer rigide versucht wurde, mir dieses Verhalten durch Strafandrohung wieder abzugewöhnen.

 

Richtig schlimm wurde es in der Pubertät. Im Alter von 11 Jahren begann ich mich selbst im Gesicht, Rücken und Dekolleté mit spitzen Gegenständen zu bearbeiten - alle Pickel und sonstigen Hautunreinheiten sollten weg. Ich war ein stark verunsichertes, ängstliches Mädchen mit wenig Selbstvertrauen. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich das Pickelausdrücken nicht im Griff hatte. Ich verbrachte jeden Tag mehrere Stunden vor dem Spiegel. Dann war es teilweise wie ein Gefühl, in einer Art Trance zu sein, immer auf der Jagd nach dem nächsten ‚Objekt’, irgendwie glücklich, wenn ich ‚erfolgreich’ war und beschämt und über mich bestürzt, wenn ich wieder zu mir kam und danach aussah, als wäre ich gefoltert worden.

 

Erst später wurde mir klar, dass es einerseits eine Gewohnheit war, mich auf diese Art und Weise selbst zu verletzen und es andererseits bestimmte auslösende Situationen gab, die direkt dazu führten, die mich wie ein suchtkranker Mensch sofort auf der Stelle in ein Badezimmer verschwinden ließen, um mich ‚selbst zu bearbeiten’. Gefühle jeglicher Art (Wut, Ärger, Trauer, aber auch Freude) habe ich hiermit verarbeitet.

 

Meine Familie, Freunde und Partner haben es (teilweise) zwar bemerkt, aber irgendwie blieb es immer ein Tabuthema. Nur wenn die Aufenthalte im Badezimmer zu lang waren, wurde nachgefragt, ob ich denn nicht bald fertig sei. Mit zunehmendem Alter wurde ich immer geschickter im Auftragen von Abdeckstiften und anderem Make Up.

 

Letztendlich hat mich das Ausquetschen von Pickeln mein Leben lang begleitet. Ich war immer auf der Suche nach einem Heilmittel, was die ‚böse’ Akne verschwinden lassen sollte, denn ich war der Meinung, wenn die Pickel nicht mehr da sind, dann ist alles gut, dann brauche ich mich nicht mehr selbst zu verletzen. Natürlich gab es Momente, in denen es besser lief, im Urlaub am Meer, und wo ich stolz auf mich war, dass die Symptome nicht ganz so stark waren. Andererseits bemerkte ich: Wenn ich Stress hatte, insbesondere bei konfliktreichen Situationen, da konnte ich diesem Druck - verbunden mit dem Wunsch alles ‚in Ordnung zu bringen/alles glatt zu machen’ - nicht mehr standhalten.

 

Wenn ich es dann doch schaffte, war danach die Sucht, mich selbst zu bearbeiten, wieder umso stärker und die Auswirkungen umso heftiger. Ich habe nie mit jemandem direkt über diese Problematik gesprochen, weil ich mich einfach zu sehr dafür geschämt habe, mich selbst zu verletzen, zu unbeherrscht zu sein. Ich glaubte, dass nur ich solche Probleme habe und dass andere Menschen sich mit solchen Themen niemals ‚herumschlagen’ müssen.

 

Im Jahr 2003 habe ich eine Therapie (inklusive der Einnahme von Antidepressiva) wegen Depressionen gemacht, aber auch meiner damaligen Therapeutin ist wahrscheinlich nicht bewusst gewesen, dass es sich hier um ein weiteres psychisches Störungsbild handelte. Nach der Therapie ging es mir psychisch immer besser und mein Selbstwertgefühl verbesserte sich langsam. Ich habe mich auch im Laufe der kommenden Jahre persönlich weiterentwickelt, indem ich lernte, auch auf meine Bedürfnisse zu achten und nicht mehr rundherum fürsorglich für alle Menschen in meiner Umgebung da zu sein. Aber erst als ich in den letzten Jahren den Traum-Job als Business Coach für mich gefunden hatte und dort für meine Arbeit und Fähigkeiten tolles Feedback von meinen Klienten erhielt, bin ich mir zum ersten Mal meines eigenen Wertes richtig bewusst geworden.

 

In meiner Arbeit als Business Coach lernte ich einige Klienten kennen, die mit Stress, Burnout und Depressionen zu tun haben. Deshalb habe ich Ende 2009 die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie abgelegt. 2010 ergänzte ich eine Ausbildung zur Fachberaterin für Kognitive Verhaltenstherapie, um mein therapeutisches Fachwissen zu vervollständigen. Im Rahmen von weiteren Ausbildungen (Hypnotherapie, Aufstellungsarbeit) bin ich immer wieder auch mein eigenes Thema ‚Akne und das Ausquetschen von Pickeln’ angegangen.

 

Ende letzten Jahres habe ich aus einem inneren Entschluss heraus alle meine Kosmetikspiegel weggeworfen. Ich hatte dabei ja die Sicherheit, dass wenn ich es nicht aushalte, immer noch die Möglichkeit besteht, diese jederzeit nachkaufen zu können. Ich begann die Situationen und Auslöser herauszufinden: Wann entsteht bei mir das Bedürfnis/ wann macht sich die Sucht bemerkbar, mich selbst zu verletzen? Welche Alternativen kann ich stattdessen ausprobieren?

 

Ein Beispiel: Morgens im Bad kontrolliere ich ganz automatisch als erstes meine Gesichtshaut. Erschwerend kommt hinzu, dass ich einen starken Haarwuchs habe, der sich jetzt mit zunehmendem Alter negativ am Kinn, Oberlippe und anderen Stellen im Gesicht bemerkbar macht. Leider kann ich diese Haare nicht weglasern lassen, da sie weiß sind. Weiße Haare kann man mit dieser Methode nicht behandeln. Da ich diese Haare und das störende Gefühl der Stoppeln nicht ertragen kann, war der Weg von den Haaren zu den Pickeln sozusagen schon vorprogrammiert.

 

Also musste ich für mich andere Wege finden, um nicht in den Automatismus „Spiegel-Kontrolle – Haut bearbeiten“ zu verfallen. Die positivste Erfahrung war für mich, dass ich das Thema Acne Excoriée für mich sozusagen ‚aufgestellt’ habe. Bei dieser Vorgehensweise arbeitet man mit einem quadratischen Holzbrett und 10 Holzfiguren. Meine Zielsetzung hieß: Ich möchte frei von dem Bedürfnis sein, mich selbst zu verletzen. Das war Anfang Januar diesen Jahres. Seitdem ist der Drang zum Ausquetschen rapide gesunken und mein Hautbild hat sich enorm verbessert.

 

Zwischendrin gibt es immer wieder Phasen, besonders in massiven Stresssituationen (z. B. Konflikte mit meinem Partner), wo ich bemerke, wie die Sucht zu drücken wieder sehr stark wird. Aber dann setze ich mich in Gedanken mit den auslösenden Ereignissen auseinander und versuche Handlungsalternativen zu finden, die gut tun und meine Bedürfnisse erfüllen, ohne mich selbst zu verletzen.

 

Inzwischen gehe ich offener mit dem Thema um und muss feststellen, dass auch in meinem Bekannten- und Freundeskreis einige Frauen (teilweise nur latent, wie z. B. in Konflikt- und Stress-Situationen) von diesem Thema betroffen sind. Meine frühere Angst, dafür ausgelacht oder missachtet zu werden, hat sich nicht bewahrheitet. Natürlich gehe ich nicht hin und erzähle es jedem, aber in einem geschützten Rahmen, wo ich das Gefühl habe sicher zu sein bzw. verstanden zu werden, da ist es für mich OK.

 

Zusammenfassend kann ich sagen, als richtig geheilt (mit einer Haut wie eine Schönheit aus Film und Presse) werde ich mich nie bezeichnen, aber ich bin glücklich über meine tollen Fortschritte. Ich möchte das Thema Acne excoriée als Behandlung in meiner Praxis anbieten, weil ich Patienten das Gefühl geben kann, dass ich weiß, wovon sie sprechen. Das ist für mich noch einmal eine Möglichkeit, eine positive Bilanz aus einer Leidensgeschichte zu ziehen, die mich 40 Jahre lang begleitet hat.

 

Veröffentlicht im März 2011

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