Heilung und Rückfall


A., 22, Studentin

 

Richtig schlimm wurde es bei mir mit etwa 18, als meine Akne aufblühte.

Ich kratzte jeden Pickel auf, stand manchmal stundenlang im Bad vor den Spiegel und drückte alles raus, was ich als unrein empfand. Der „weiße Eiter“ musste einfach raus aus mir, erst wenn das Blut aus dem Pickel kam, fühlte ich mich wieder rein. Doch dieses Gefühl hielt nie lange an, ich erwachte aus der Trance und sah, wie ich mich entstellt hatte. Es überkamen mich ein schlechtes Gewissen und der Ekel vor mir selbst. Um dieses schmutzige Gefühl zu besänftigen, wusch ich mein Gesicht und trug eine Maske aus Tonerde auf, um meine Wunden zu heilen. Schließlich schminkte ich mich, um meine Narben und roten Flecken zu verbergen. Ich fühlte mich hässlich und auch die Schminke half nicht, denn sie verdeckte zwar meine Narben, aber da ich eine sehr helle Haut hatte, sah ich meist aus wie ein Clown mit einer Maske.

 

Das schlimmste für mich war, dass ich so viel Zeit im Badezimmer verbrachte, ohne es zu merken.

Wenn das Badezimmer besetzt war und ich rein wollte, bekam ich Wutanfälle und wurde unruhig, wofür ich mich schämte. Es war, als wäre in mir ein Monster, das ich nicht unter Kontrolle hatte und das mich ständig aufkratzen musste. Ich konnte nur im Badezimmer kratzen, denn hinterher MUSSTE ich mich waschen, um mich nicht schmutzig zu fühlen.

 

Schließlich versuchte ich, meine Akne mit BPO (Benzoylperoxid) zu behandeln, was alle nur noch verschlimmerte. Meine Akne wurde vielleicht minimal besser, doch meine Haut reagierte darauf so empfindlich, dass ich krebsrot wurde. Aus irgendeinem Grund bekam ich auch so genannte Flushs, wo mein Gesicht rot anlief und alle roten Flecken sichtbar wurden. Es sah einfach furchtbar aus.

Schließlich bekam ich diese flushs immer öfter.

 

Zum Glück zwang mich meine Mutter nun zum Hautarzt. Dieser verschrieb mir ein sehr starkes Aknemedikament. Anfangs war ich sehr skeptisch wegen der unendlich langen Liste an Nebenwirkungen, hat dieses Medikament mein Leben verändert. Ich hatte super reine Haut und, da ich keine Pickel hatte, auch nichts mehr zum Aufkratzen. Das passierte natürlich nicht von heute auf morgen. Zusätzlich versuchte ich alles Mögliche, um mich selber bzw. das Monster in mir auszutricksen

 

Ich wusch mein Gesicht nicht mehr vor dem Spiegel, sondern nur noch unter der Dusche, um mich nicht inspizieren zu können. Wenn ich aus der Dusche ging, habe ich das Licht im Badezimmer möglichst dunkel gehalten. Ich schrieb ein Tagebuch, in dem ich Strichlisten führte, wann ich das letzte Mal einen Pickel aufgekratzt hatte. Jeder Kratzer bekam einen Strich, so konnte ich sehen, ob eine Besserung eintrat und mir mein Problem innerlich bewusst machen.

 

Ich machte Fortschritte und blieb dann meist eine Woche kratzfrei. Irgendwann konnte ich sogar ungeschminkt das Haus verlassen, ein tolles Gefühl! Doch durch die Einnahme der Pille, die ich zusammen mit dem Aknemedikament einnehmen musste, bekam ich eine tiefe Venenthrombose. Die Diagnose war für mich ein Schock, und so kam es, dass ich ein Jahr lang Blutverdünner nehmen musste. Durch die Blutverdünner hatte ich so gut wie keine Blutgerinnung. Kratzen wäre fatal gewesen, denn es hätte nun mehrere Wochen gedauert, bis eine Wunde verheilen würde. Schon der kleinste Kratzer ließ das Blut nur so rausfließen. Durch diese Angst war meine Kratzsucht nun von heute auf morgen wie ausgelöscht! So blieb ich so ein gutes Jahr komplett geheilt.

 

Doch jetzt, ein Jahr nach der Medikamentenbehandlung, kommt allmählich ein Rückfall. Ich habe keine Akne mehr, nur winzig kleine Mittesser meist auf Nase und Stirn, die wirklich niemandem auffallen würden. Doch aus irgendeinem Grunde verspüre ich den Drang, sie auszudrücken. Meist kratze ich so, dass die Wunden nur minimal sind und sehr schnell verheilen, so dass ich ungeschminkt immer noch gut und recht rein aussehe.

Doch die Tatsache an sich, dass das Prozedere wieder anfängt, bedrückt mich sehr. Ich nehme mir jeden Tag vor, es zu unterlassen, aber es klappt nicht. Es ist eine Sucht, die Sucht nach reiner Haut.

 

Veröffentlicht im Januar 2013

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