Ich gönne mir mein Glück nicht


 

Wer bist du?

 

Ich bin M., weiblich, Mitte 20 und momentan noch mitten im Studium.

 

Wann fing Skin-picking bei dir an?

 

Als sich die ersten ‘normalen’ Pubertätspickel auf meinem Gesicht breitgemacht haben. Da war ich etwa 13 oder 14 Jahre alt, AE begleitet mich nun schon knapp 10 Jahre. (Anmerkung: AE steht für Acne Excoriée, eine andere Bezeichnung für Skin-picking.)

 

Gab es dafür einen bestimmten Auslöser, eine bestimmte Situation?

 

Ich kann mich an kein prägendes Erlebnis erinnern, das AE schlagartig ausgelöst haben könnte. Im Nachhinein betrachtet, ist es aber so, dass ich während der Pubertät viele Probleme mit meiner Mutter hatte und ich wohl in ihren Augen ein ‚schwieriges‘ Kind war. Aufständisch zu sein wurde nicht geduldet und ich musste daher viele Emotionen einfach runterschlucken.

 

Wie ich später feststellen musste, habe ich damals gelernt, meine Emotionen anders auszulassen: an mir selbst. Dieses Programm des ‚Gefühle zeigens‘ hat sich wohl für mich bewährt und ich spiele es heutzutage immer noch ab. Auf diese Art und Weise muss man nicht in emotionalen Kontakt mit anderen treten (wo man verletzt werden könnte), sondern macht es mich sich selbst aus.

 

Wie sehr hat Skin-picking dich und dein Leben bestimmt?

 

Zurzeit befinde ich mich zum Glück in einer erträglichen Phase, in der AE mein Leben und meine Launen kaum beeinflusst. Aber es gab auch furchtbare Zeiten, in denen ich mein Gesicht regelrecht entstellt habe. Ich habe dann Einladungen, Treffen, wichtige Termine verschoben, weil ich mich akut so sehr für mein Gesicht geschämt habe.

 

Da ich nicht besonders geschickt im Umgang mit Makeup bin, habe ich mich auch trotz Schminke nicht wohlgefühlt. In der Schulzeit wurde ich oft auf mein Gesicht angesprochen. Am schlimmsten fand ich es immer, morgens aufzuwachen (nachdem man am Abend zuvor gedrückt hatte) und denken zu müssen ‚Oh Gott, was hab ich gestern nur wieder getan und so muss ich heute raus‘. Das hat einem oft schon morgens den Tag versaut.

 

An welchen Körperstellen, kratzt, drückst und knibbelst du?

 

An fast allen erdenklichen AE-typischen Stellen knibble ich: Gesicht, Hals, Oberarme, Dekolleté, Bikinizone und Unterschenkel. Aber selten an allen Stellen gleichzeitig. Oft sind es entweder nur Gesicht, Dekolleté und Hals, manchmal eher die Beine.

 

In welchen Situationen kratzt, knibbelst und drückst du?

 

Eigentlich sind es immer emotionsgeladene Situationen. Am schlimmsten ist es wohl, wenn ich eine Aufgabe erledigen muss, auf die ich keine Lust habe oder der ich mich nicht gewachsen fühle. Aufgrund meines Perfektionismus gibt es viele Situationen, die mit dem Gedanken ‚Hoffentlich schaffe ich das‘ behaftet sind. Und da ich danach strebe, eine Aufgabe perfekt zu erledigen, hab ich oft eine enorme Blockade, überhaupt erst anzufangen.

 

Aber auch positive Gefühle können AE-Auslöser sein, denn oft gönne ich mir mein eigenes Glück nicht, denke, ich hätte es nicht verdient. Manchmal weiß ich auch einfach nicht recht, wie man normalerweise eine bestimmte Emotion äußern würde (besonders schwer fällt es mir, Trauer zu zeigen) und greife dann auf AE zurück.

 

Und dann gibt es noch den ganz typischen Fall, dass ich abends nach dem Abschminken mein Gesicht inspiziere und es dann einfach nicht ertragen kann, wenn ich verstopfte Poren, Mitesser oder mal einen Pickel finde.

 

Wann und wie hast du erfahren, dass dein Verhalten Skin-picking heißt?

 

Nach einem schlimmen Knibbelanfall im November 2009 habe ich völlig verzweifelt bei Google ‚zwanghaftes Pickel ausdrücken‘ eingegeben und bin mehr oder weniger sofort auf der Dermatillomanie-Forumsseite gelandet. Da habe ich ein wenig herumgelesen und es war schon erleichternd zu sehen, dass das Kind nun ein Namen hat. Erschreckend war es aber auch zu sehen, dass doch ziemlich viele Leute davon betroffen zu sein scheinen.

 

Was hast du dann getan?

 

Durch die beiden Foren und die Geschichten und ‚Tipps und Tricks‘ anderer Leute habe ich AE zum ersten Mal in einem anderen Licht gesehen. Ich habe versucht, es ‚wirklich sein zu lassen‘. Durch die Anfangsmotivation und diverse Tricks ging das auch zirka zwei Wochen gut, aber dann kam der erste Rückfall und dann der nächste und nächste.

Mir wurde klar, dass AE bei mir nicht mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen (AE umleiten) reduziert werden kann, sondern dass es um tieferliegende Gründe geht.

 

Wann und mit wem hast du dann das erste Mal über Skin-picking sprechen können?

 

Ich habe erst vor gut einem Jahr herausgefunden, dass ich nicht nur eine dumme Angewohnheit habe, sondern ‚AE‘. Dann hat es ein weiteres halbes Jahr gedauert, bis ich mich in den beiden Foren angemeldet habe und so endlich den Austausch mit anderen Betroffenen fand.

 

Das hat mir Mut gegeben, auch mit Menschen in meinem persönlichen Umfeld darüber zu reden. Ich habe meinen Freund, meine Schwester, meine Mutter und ein paar sehr gute Freundinnen ins Vertrauen gezogen. Sie haben es alle gut aufgenommen und mit Verständnis reagiert - obwohl ich denke, dass für einen „Nicht-AEler“ schwer nachvollziehbar ist, was AE für einen selber wirklich bedeutet und was es für seelische und auch körperliche Auswirkungen hat.

 

Welche Therapie hast du gemacht? Hat es dir geholfen?

 

Aus anderen Gründen (Prüfungsangst und Panikattacken) habe ich vor einiger Zeit eine Psychoanalyse gemacht. Damals wusste ich von AE als solches noch nicht und habe mich vor meiner Psychologin geschämt, es anzusprechen. Ich habe sehr viel über mich selbst gelernt und die Panikattacken haben mit der Zeit einfach aufgehört. Auch AE hat sich während dieser Zeit deutlich gebessert.

 

Zum anderen hat es mir sehr geholfen, dass ich angefangen habe, die Pille zu nehmen und meine Gesichtspflege so umzustellen, dass ich weiß: Wenn ich meine Haut in Ruhe lasse, ist sie wirklich schön. Das ist für mich ein zusätzlicher Ansporn.

 

Was wendest du heute noch davon an?

 

Ich musste lernen, mehr auf mich selbst zu hören, mehr auf meine Gefühle und Bedürfnisse einzugehen. AE ist ja wie ein Stoppschild oder ein Warnsignal, das anzeigt, dass gerade etwas nicht stimmt. Anstatt sofort das Handtuch zu werfen und mich dem AE-Drang hinzugeben, versuche ich in mich reinzuhorchen und festzustellen, warum ich so angespannt bin.

 

Außerdem habe ich gelernt, dass ich auch mit Pickeln und Mitessern ein liebenswerter Mensch bin. Man selber besteht ja aus so viel mehr als ein paar Unreinheiten! Andere Menschen definieren mich auch nicht über den Zustand meiner Haut, sondern über die Art und Weise, wie ich bin.

 

Wie gehst du heute mit Skin-picking um bzw. bist du geheilt?

 

Ich würde nicht behaupten, dass ich geheilt bin. Aber ich bin auf dem Weg – und es ist einfach ein langer Weg. Man muss ein jahrelang angewandtes Verhalten ändern, das geht nicht von heute auf morgen. Ich habe keine exzessiven AE-Anfälle mehr, bei denen ich jeden Tag mehrere Stunden mit Knibbeln und Drücken.

 

Ich kratze öfter (mehr oder weniger geistesabwesend) an meinem Rücken und ab und zu drücke ich auch Mitesser und Pickel im Gesicht oder auf dem Dekolleté aus, in einer Weise, die ein ‚normales Maß‘ vielleicht überschreitet.

 

Ich muss einen gesunden Umgang mit meiner Haut erst noch erlernen und einsehen, dass mich ein, zwei Pickel nicht entstellen. Sondern erst das, was ich selbst draus mache. Wenn man dann AE-frei ist, bleibt man vielleicht für eine lange Zeit in einem Zustand, der dem eines trockenen Alkoholikers gleicht ... das wird sich alles zeigen.

 

Besuchst du eine Selbsthilfe-Gruppe?

 

In meinem näheren Umfeld gibt es leider keine, aber ich spiele mit den Gedanken, zu einem Treffen in Köln zu fahren.

 

Was hilft dir an Internet-Foren besonders?

 

Man bekommt einfach auch mal neue Denkanstöße und kann ein Problem, das einen beschäftigt, auch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und schon das Gefühl, dass man nicht allein ist und dass andere Betroffene die Konsequenzen, die AE mit sich bringt, genau nachvollziehen können, ist sehr erleichternd. Man fühlt sich nicht mehr so allein und ‚unnormal‘.

 

Wenn du auf deinen Krankheitsverlauf zurückblickst, was würdest du heute anders machen?

 

Ich würde früher in Google ‚zwanghaftes Pickel ausdrücken‘ eingeben. Und diese Information hätte ich gerne in die Psychoanalyse eingebracht. Dann hätte ich mich auch nicht mehr so für AE geschämt, denn ich hätte gewusst: Es ist keine doofe Angewohnheit, sondern eine psychische Erkrankung. Aber sonst würde ich alles noch mal genauso machen. Ich denke, ich bin auf einem sehr guten Weg.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

 

Ich finde es extrem wichtig, AE nicht als einen äußeren Faktor zu sehen, ein ‚Ding‘, das man loswerden will. AE kommt von innen, aus einem selbst heraus und hat persönliche Hintergründe. Ich denke nicht, dass man durch reines Verhaltenstraining AE reduzieren kann - höchstens umlenken. Aber damit ist das tiefliegende Problem (in meinem Fall das Verarbeiten/Ausdrücken von Emotionen) nicht gelöst.

 

Man muss vielmehr die Ursache angehen, damit das Symptom AE irgendwann verschwindet. Meine persönliche Erfahrung hat mir gezeigt: Solange man nur AE isoliert ‚bekämpft‘, aber nichts weiter in seinem Leben ändert (Stressoren reduziert, Achtsamkeit erlernt etc), kann man auf eine langfristige Heilung eigentlich nicht hoffen.

 

(veröffentlicht im Februar 2011)

 

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